Was das Event über Attention, Fandom und die Zukunft von Werbung im Streaming-Zeitalter verrät
Die Frage „What’s Next?“ ist bei Netflix kein wohlklingender PR-Claim, sondern ein bewusst gesetzter Perspektivwechsel. Beim gleichnamigen Event in Berlin ging es nicht nur um kommende Serien, Filme und Shows für 2026. Vielmehr stellte sich zwischen Panels, Präsentationen und Gesprächen eine deutlich größere Frage: Welche Rolle nimmt Streaming heute in einer zunehmend fragmentierten Medienlandschaft ein und was bedeutet das für Marken und Werbung?
Ich war als Gast vor Ort und bin mit einer klaren Erkenntnis nach Hause gegangen: Streaming zwingt Marketing dazu, grundsätzlicher zu denken. Und ehrlicher.
Streaming ist nicht länger Distribution, sondern kulturelle Infrastruktur
Über Jahre hinweg wurden Streamingplattformen vor allem als effiziente Reichweitenkanäle betrachtet. Inhalte hinein, Nutzer heraus, dazwischen Werbeformate. Dieses Denken greift heute zu kurz. Plattformen wie Netflix haben sich längst zu kulturellen Räumen entwickelt, in denen Identität, Popkultur und Gemeinschaft entstehen.
Serien und Filme sind keine isolierten Inhalte mehr. Sie schaffen Gesprächsanlässe, prägen Sprachcodes und werden zu sozialen Referenzpunkten. Wer in diesem Umfeld stattfindet, ist nicht einfach sichtbar. Er wird Teil eines kulturellen Moments. Genau hier liegt die wachsende Relevanz von Streaming im Mediamix.

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Warum Relevanz heute schwerer wiegt als Reichweite
Ein zentraler Insight des Events war besonders eindrücklich: Rund drei Viertel der Gen Z und Millennials empfinden Marken, die die Sprache ihrer Lieblingsserien und -filme sprechen, als glaubwürdiger und näher am eigenen Lebensgefühl. Gleichzeitig geben über 70 Prozent an, dass personalisierte Werbung ihre Aufmerksamkeit deutlich stärker bindet.
Diese Zahlen markieren keinen kurzfristigen Trend, sondern einen strukturellen Wandel. Reichweite allein garantiert keine Wirkung mehr. In einer Welt permanenter Reizüberflutung entscheidet Relevanz darüber, ob Werbung wahrgenommen, akzeptiert oder ignoriert wird. Streamingumfelder schaffen dafür besondere Voraussetzungen: klare Nutzungssituationen, hohe Aufmerksamkeit und eine emotionale Nähe zum Content. Doch genau diese Nähe macht Werbung auch anspruchsvoller.
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Wer im Streaming wirbt, steht unter besonderer Beobachtung
Streaming ist kein neutraler Raum. Nutzer:innen sind dort emotional involviert, aufmerksam und anspruchsvoll. Werbung, die hier platziert wird, muss diesem Kontext gerecht werden. Austauschbare Botschaften oder verlängerte TV-Logiken funktionieren in diesem Umfeld nicht mehr. Im Gegenteil: Sie fallen negativ auf.
Marken, die im Streaming erfolgreich sein wollen, müssen genauer hinschauen. Sie müssen Umfelder bewusst auswählen, Zielgruppen nicht nur kennen, sondern verstehen, und kreative Ideen entwickeln, die respektvoll an bestehende Narrative andocken. Das ist komplex – und genau deshalb scheitern viele Ansätze noch immer an der Oberfläche.
Auf der Bühne: L’Oréals Sicht auf die Weiterentwicklung von Advocacy- und Mediakampagnen.

Fragmentierung ist kein Risiko, sondern eine strategische Chance
In Gesprächen rund um das Event wurde ein Gedanke besonders klar: Die zunehmende Fragmentierung der Bewegtbildlandschaft ist kein Problem, sondern eine Einladung. Streamingplattformen stehen für Popkultur, Engagement und echte Aufmerksamkeit. Sie ermöglichen es, Kampagnen differenzierter zu denken, Botschaften situativ auszuspielen und Zielgruppen kontextuell statt rein demografisch anzusprechen.
Fragmentierung bedeutet nicht Kontrollverlust. Sie bedeutet Präzision. Vorausgesetzt, Marken sind bereit, ihre Planung und Kreation konsequent darauf auszurichten.

Manchmal führt mich meine Arbeit an ganz besondere Orte, die man sich nicht erträumt hätte.
Streaming zwingt Marketing zur Ehrlichkeit
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Streaming entlarvt Beliebigkeit. Aufmerksamkeit, Skip-Raten, Completion und Engagement sind messbar und machen sichtbar, ob Werbung wirklich funktioniert oder nur ausgespielt wird. Damit steigt der Druck auf Marken, sich klar zu positionieren.
Werbung wird im Streaming nicht mehr als Unterbrechung wahrgenommen, sondern als Teil des Nutzungserlebnisses. Sie wird daran gemessen, ob sie stört oder bereichert. Daten und Technologie helfen dabei, Relevanz herzustellen – sie ersetzen jedoch keine gute Idee. Kreative Klarheit und kulturelles Verständnis bleiben die entscheidenden Hebel.
Zwischen Ironie und Realität: Authentizität lässt sich nicht buchen wie TKPs.

Netflix als Plattform, aber nicht als Heilsversprechen
Netflix zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial Streaming als Werbeumfeld bietet. Dennoch gilt: Plattformen liefern Möglichkeiten, keine Garantien. Die Verantwortung für relevante Kommunikation liegt weiterhin bei Marken, Agenturen und Mediaplanern.
Streaming ist kein Shortcut zu Aufmerksamkeit. Es ist ein Qualitätstest. Und genau darin liegt seine Stärke.

Eine klare Ansage von ARD Media: Mut schlägt Mechanik, Relevanz schlägt Effizienz
Mein Fazit: Streaming belohnt Mut und bestraft Beliebigkeit
„What’s Next?“ war für mich weniger ein klassisches Preview-Event als ein Spiegel für unsere Branche. Die Frage, die sich stellt, ist simpel – und gleichzeitig unbequem: Optimieren wir weiter auf Reichweite oder beginnen wir konsequent, Relevanz ernst zu nehmen?
Streamingplattformen zeigen sehr deutlich: Wer verstanden wird, wird erinnert. Wer stört, wird übersprungen. Die Zukunft der Werbung ist nicht lauter. Sie ist präziser, kultureller und ehrlicher.
Und genau deshalb bleibt Streaming einer der spannendsten und anspruchsvollsten Räume moderner Markenkommunikation.


